Die Elf des Turniers

Allgemeines

31 Tage lang regierte König Fußball nicht nur die Bundesrepublik, sondern die ganze Welt. 64 Spiele liegen hinter uns – das sind 5940 Minuten oder etwas über vier Tage Fußball. Wir haben diese unglaubliche Menge an Eindrücken zum Anlass genommen, unsere Elf des Turniers zu küren – ohne die Kakas, Ronaldinhos, Adrianos, Rooneys und all die anderen enttäuschenden Stars und Sternchen dieser Welt, dafür mit einigen Gesichtern, die man im Vorfeld der WM nicht unbedingt in eine solche Auswahl getippt hätte. Aber seht am besten selbst…

Taktisch haben wir uns der Mehrzahl der Trainer angepasst und schicken unsere Elf in einem 4-5-1-System mit zwei defensiven und drei offensiven Mittelfeldspielern ins Rennen.

Tor: Gianluigi Buffon (Italien)

Als Torhüter des neuen Weltmeisters ist Buffon natürlich per se im engeren Kandidatenkreis, doch in der Tat war er der herausragende Schlussmann des Turniers. Nur zwei Mal wurde Buffon bezwungen – einmal von seinem eigenen Verteidiger Christian Zaccardo im Vorrunden-Spiel gegen die USA und einmal von Zinedine Zidane im Finale per Elfmeter. Der Juve-Keeper gewann keine Spiele im Alleingang, was aber schlicht daran lag, dass seine Vorderleute zumeist alles im Griff hatten. Wurde er doch gefordert, war er stets hellwach. Lukas Podolski kann davon ebenso ein Lied singen wie Zinedine Zidane, dessen Kopfball in der Verlängerung des Finales von Buffon weltklasse pariert wurde.

Rechtsverteidiger: Gianluca Zambrotta (Italien)

Einer der besten Linksverteidiger der Welt mauserte sich bei der WM zum besten Rechtsverteidiger der Welt. Die Rede ist von Gianluca Zambrotta, der von der Formschwäche Christian Zaccardos profitierte und sich ab dem dritten Gruppenspiel seiner Italiener gegen Tschechien an ungewohnter Position in der Viererkette wiederfand. Von dieser aus glänzte er zumeist mit solider Defensivarbeit, schaltete sich darüber hinaus aber auch konsequent ins Spiel nach vorne mit ein. Höhepunkt seiner WM war ein herrlicher Treffer gegen die Ukraine. Die hervorstechende Eigenschaft Zambrottas ist neben seiner Beidfüßigkeit die Leichtigkeit, mit der er – atypisch für einen Verteidiger – auch Offensivzweikämpfe für sich entscheidet.

Innenverteidigung: Fabio Cannavaro (Italien)

Obwohl er bei der offiziellen Wahl zum MVP leer ausging, war Cannavaro für viele der mit Abstand beste Akteur der WM. Auf Grund von Verletzungen und Sperren musste sich der Kapitan immer wieder umstellen, vier verschiedene Partner (Nesta, Materazzi, Barzagli, Gattuso) hatte er im Turnierverlauf an seiner Seite – der Leistung tat dies keinen Abbruch. Seine Umsichtigkeit und die Fähigkeit, fast jede Situation richtig zu antizipieren, machen Cannavaro zum Star des Turniers. Hinzu kommt, dass er in sieben Spielen keine einzige Gelbe Karte kassierte – eine hoch zu bewertende Tatsache bei der abgelaufenen WM, besonders für einen Innenverteidiger.

Innenverteidigung: Lilian Thuram (Frankreich)

Der einzige Nicht-Italiener in unserer Allstar-Viererkette. Thuram war einer der entscheidenden Faktoren, die zu Frankreichs Wiederauferstehung beitrugen. Der 34-jährige war eigenlich nach der Euro 2004 zurückgetreten, wurde im Verlauf der Qualifikation aber von Trainer Raymond Domenech zur Rückkehr überredet. Ein Glücksfall für die Equipe Tricolore, deren Abwehr von Thuram mit kompromisslosem Zweikampfverhalten und hervorragendem Stellungsspiel stabilisiert wurde.

Linksverteidiger: Fabio Grosso (Italien)

Der große WM-Held der Italiener heißt nicht Totti, Toni oder Pirlo, sondern Grosso. Der Mann von US Palermo war in der KO-Runde an beinahe jeder wichtigen Szene beteiligt. Im Spiel gegen Australien holte er in der Nachspielzeit jenen Elfmeter heraus (ob betrügerisch oder einfach nur geschickt, sei hier dahingestellt), den Totti zum Siegtreffer verwandelte. Im Halbfinale gegen Deutschland traf er in der 119. Minute und bewahrte die Squadra Azzura vor einem Elfmeterschießen. Als es im Finale dann doch zu einem solchen kam, zeigte Grosso keine Nerven und verwandelte den letzten und entscheidenden Elfmeter.

Defensives Mittelfeld: Maniche (Portugal)

Eine der Stützen Portugals, dabei Abräumer und Antreiber in Personalunion. Zum Auftakt gegen Angola musste er mit der Ersatzbank Vorlieb nehmen, danach war er aber aus der Mannschaft von Luiz Felipe Scolari nicht mehr wegzudenken. Seine primäre Aufgabe, das Absichern des kreativen Trios vor ihm, erfüllte er gewohnt souverän und zuverlässig, daneben setzte er aber auch vor dem gegnerischen Tor Akzente. Der Portugiese in Diensten des FC Chelsea suchte immer wieder den Abschluss, bevorzugt mit Distanzschüssen. Im letzten Gruppenspiel gegen Mexiko wurde er dafür erstmals belohnt, wesentlich wichtiger war aber sein zweiter WM-Treffer. Dieser gelang ihm im Achtelfinale gegen Holland und schickte die Oranjes frühzeitig gen Heimat.

Defensives Mittelfeld: Andrea Pirlo (Italien)

Der Stratege vor der Abwehr. Pirlo dirigierte das Spiel der Italiener meist aus einer etwas zurückgezogenen Position und strahlte dabei eine Ruhe aus, die ihresgleichen sucht. Der Mann vom AC Mailand ist einer der wenige, die Fabio Cannavaro den Titel als Spieler des Turniers streitig machen können. Pirlo traf im Auftaktspiel gegen Ghana mit einem wunderbaren Schuss aus der Distanz und bereitete mit einem Geniestreich das 1:0 im Halbfinale vor. Zudem der Spezialist für Standardsituationen aller Art, seine Eckbälle sorgten stets für viel Unruhe im gegnerischen Sechzehner.

Rechtes Mittelfeld: Joe Cole (England)

Der mit Abstand beste Engländer bei der WM. Er hängte Gerrard und Lampard um Länge ab und avancierte zum Star im Team der „Three Lions“. Das Ausscheiden im Viertelfinale konnte auch Cole nicht verhindern, der 24-jährige darf sich aber zu den wenigen Gewinnern auf englischer Seite zählen. In Erinnerung bleibt vor allem sein Traumtor gegen Schweden, als er aus 30 Metern volley abzog und traf.

Zentrales Mittelfeld: Zinedine Zidane (Frankreich)

Der Kopfstoß aus der ominösen 108. Minute des Finales kann den Eindruck, den Zidane hinterlassen hat, nur bedingt trüben. Nicht wenige hatten den Regisseur vor der Endrunde abgeschrieben und ihm ein (sportlich) unrühmliches Karriereende prophezeit. Der Franzose widerlegte die Kritiker aber und kam nach der durchwachsenen Vorrunde richtig in Fahrt. Im Achtelfinale gegen Spanien steuerte er einen Treffer zum 3:1-Erfolg bei, im Viertelfinale machte er eines der größten Spiele seiner Laufbahn. „Zizou“ entzauberte die Brasilianer fast im Alleingang, bereitete das 1:0 vor und lieferte die besten individuelle Leistung eines Spielers bei dieser WM ab. Anschließend traf der Stratege noch zweimal per Elfmeter: Zunächst im Halbfinale gegen Portugal, dann im Endspiel, als er den Ball an die Unterkante der Latte lupfte.

Linkes Mittelfeld: Maxi Rodriguez (Argentinien)

Er sorgte bei den Argentiniern für zusätzliche Torgefahr aus dem Mittelfeld. Für die Mannschaft zudem unheimlich wertvoll auf Grund seiner Flexibilität – Pekerman setzte ihn sowohl im rechten als auch im linken Mittelfeld mit gleichbleibendem Erfolg ein. Seine Sternstunde erlebte Rodriguez im Achtelfinale gegen Mexiko, als er mit dem vielleicht besten Tor der Turniers in der Verlängerung die Entscheidung herbeiführte. Für ihn war es WM-Tor Nummer drei, bereits in der Vorrunde gegen Serbien und Montenegro war er zweimal erfolgreich.

Angriff: Miroslav Klose (Deutschland)

Seine Ausbeute von 5 Treffern war zwar die schlechteste eines Torschützenkönigs seit 1962, nichtsdestotrotz ist Klose der Stürmer der WM. Zwei Toren zum Auftakt gegen Costa Rica folgte ein Doppelpack gegen Ecuador. Der wichtigste Treffer war aber der fünfte. Dieser fiel kurz vor Schluss gegen Argentinien und rettete die Klinsmann-Elf in die Verlängerung. Zusammen mit Lukas Podolski bildete er das gefährlichste Stürmer-Päärchen des Turniers. Einziges Manko: Neun seiner nun insgesamt 10 WM-Tore erzielte der Bremer in der Vorrunde.

Trainer: Marcello Lippi (Italien)

Nachdem unsere Elf fast zur Hälfte aus Italienern besteht, ist es nur konsequent Lippi auf die Trainerbank zu setzen. Doch das alleine reicht als Begründung nicht. Kaum ein anderer Coach lenkte seine Mannschaft während des Spiels derart geschickt wie der Weltmeister-Trainer. Gegen Australien und Deutschland bewies er ein unvergleichliches Gespür und verstärkte seine Offensive, um eine Verlängerung bzw. ein Elfmeterschießen zu vermeiden – prompt wurde er jeweils mit einem späten Tor belohnt.

12. Juli 2006 - Christian Linner

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