Italia - Campione Mondiale 2006

Italien

Unser Turnier ist vorbei, Weltmeister geworden ist aber wer anders - Italien heißt der glückliche Sieger des ominösen 9. Juli. In einem teilweise dramatischen Spiel gegen Frankreich war Fast-Legende Zinedine Zidane das Zünglein an der Waage, verhalf seinem Team mit einem überflüssigen Kopfstoß nicht nur zur Silbermedaille, sondern sprengte gleichzeitig im Handumdrehen sein eigenes Denkmal. Das Elfmeterschießen musste her und da hatte die Squadra Azzurra das glücklichere Ende für sich, Kapitän Cannavaro nahm von Präsident Köhler den Pokal entgehen. Pizza für alle, jetzt sind es nur noch 20 Tage bis zum Ligapokalauftakt zwischen dem HSV und Hertha BSC Berlin.

Die Antwort: Italien

Eine WM kann noch so schön sein, irgendwann ist sie dann aber doch zu Ende. Die Welt war zu Gast bei Freunden, aber sie wusste, dass der 9. Juli das WM-Finale bringen würde und mit ihm der Abschied vom Fußballzauber eines ab dann historischen Turniers. 32 Nationen haben daran teilgenommen, die Spreu wurde vom Weizen getrennt, letztlich konnten sich zwei Mannschaften ins Finale spielen, die in der Form wohl nicht so viele auf der Rechnung hatten. Gut, da war Italien, mit Italien muss man immer rechnen, aber andere Länder sahen da doch etwas aussichtsreicher aus, Frankreich im Grunde aber nicht. In der Vorrunde drohte sich das Schicksal von 2002 zu wiederholen, aber mit einem – nennen wir es doch – Kraftakt gegen den Underdog aus Togo rutschte man gerade so in die Finalrunden, verbesserte sich dann aber kontinuierlich und so stehen sich jetzt also Italien und Frankreich wie schon bei der EM 2000 im Endspiel gegenüber. Kein Deutschland, kein Brasilien, kein Argentinien oder Holland, von England keine Spur – ein Turnier der Überraschungen war es dennoch nicht. Die vier Wochen Ausnahmezustand sind vorbei, jetzt fokussierte sich der Blick ein letztes Mal auf Berlin. Beide Teams sahen sich zu keiner personellen Änderung gezwungen, schließlich kann die Halbfinal-Aufstellung ja nicht so schlecht gewesen sein, sonst wäre man ja nicht da wo man jetzt war. Der Schiedsrichter vor 72.000 Zuschauern im Stadion und rund einem Viertel der Erdbevölkerung vor den Fernsehern war Horácio Elizondo aus Argentinien, der auch schon das Eröffnungsspiel leiten durfte. Der deutsche Mann Markus Merk hingegen wurde nach der Vorrunde nicht mehr eingesetzt, hätte aber wegen der deutschen Halbfinalbeteiligung ohnehin nicht pfeifen dürfen.

Die Welt befürchtete alt Bekanntes. Es drohte der passive Ergebnisfußball, der dieses Turnier nicht zum spielerischen Glanzpunkt wie noch die vergangene Europameisterschaft gemacht hat. Und tatsächlich begann das Endspiel nicht gerade flott, obwohl es die erste nennenswerte Szene schon vor der ersten Zeigerumrundung zu verzeichnen gab. Thierry Henry rasselte mit Cannavaro aneinander, blieb benommen liegen. Die Franzosen befürchteten schon, ihren Stürmer wie schon im Endspiel von 1998 zu verlieren, doch so bitter kam es dann doch nicht, Henry konnte weitermachen und sich zum auffälligsten Offensivakteur auf dem Platz entwickeln. Spielerisch jedoch zeichnete sich zunächst Magerkost ab, von Italien ist man die Zurückhaltung ohnehin gewohnt und auch Frankreich war vermehrt auf Spielfindung aus und riskierte noch nichts. Ein Tor musste also her, um den Abend nicht am Rande der Trostlosigkeit zu verbringen und der Fußballgott hatte ein Einsehen. Es war die 6. Minute, in der Malouda in den Strafraum der Dunkelblauen vorstieß, wo Materazzi auf ihn lauerte und leicht am Knie berührte, der Strafstoß war berechtigt. Zidane läuft in seinem letzten Fußballspiel an, seine Gegenüber Buffon rät die Ecke, aber der alte Fuchs Zidane lupft doch in einem WM-Endspiel den Ball locker in die Mitte – Leichtigkeit, die einen zum Helden machen kann, in dem Fall aber um ein Haar in die Hose gegangen wäre. Das Leder geht à la Wembley an die Unterlatte, kommt auf dem Boden auf und berührt die Latte erneut, ehe es zurück ins Feld springt. Nun war der Assistent an der Linie gefordert, sah zum Glück alles richtig und verhinderte so einen geschichtsträchtigen Skandal. Der Ball war klar drin, 1:0 für die Grande Nation.

Vorbei war es mit Mauerfußball auf Seiten der Italiener, jetzt musste Fußball gespielt werden. Vorerst jedoch sprang dabei wenig heraus, Frankreich machte die Räume geschickt eng und lauerte auf Konter, während Italien vermehrt mit dem Kopf durch die Wand wollte. Die Folgeminuten wurden so im Mittelfeld entschieden, das Tempo nahm jedoch immer mehr zu, was nicht nur der versammelten Politprominenz auf der Ehrentribüne gefallen haben dürfte. Der Ausgleich kam dann in der 19. Minute. Anders als noch in so vielen Spielen zuvor genügte das eine Tor nicht zum knappsten aller möglichen Siege, denn Italien kam zu einer Ecke, Materazzi steigt von Vieira unbedrängt zum Kopfball hoch und macht doch tatsächlich seinen Fehler wieder gut. Der ansonsten nicht gerade Ruhe ins Spiel bringende Barthez kann sich strecken wie er will – es steht 1:1 im Finale von Berlin. Leider war damit der Offensivdrang beiderseits auf wieder Richtung Nullpunkt gewandert. Zwar war ging man immer noch aktiv zu Werke und schenkte sich nichts, aber vor den Toren hätte man sich getrost schon erste Rasensouvenire stechen können. Fußballerisch ist das ja so schlecht alles nichts, man muss ja auch erst einmal in einem WM-Finale das Ergebnis halten können, um überhaupt Weltmeister zu werden, aber diese Art von Fußball darf einfach nicht die Zukunft sein, das hat dieses Turnier einigermaßen deutlich vorgeführt. Der Fußball braucht wieder Typen mit Ecken und Kanten, die nur zwei bis drei Sachen wirklich gut können und ansonsten dumm rumstehen, der Fußball braucht mehr Raum zum Entfalten und keine Fitnessbolzen, die universell einsetzbar sind, sonst ist es einfach kein Fußball mehr, sondern ein herzloses Zweikampfspiel. Doch sei es wie es ist, die Partie lief einige Zeit vor sich hin, taktisch weiterhin auf allerhöchstem Niveau, doch in der Schlussviertelstunde des ersten Durchgangs wurde es dann tatsächlich noch einmal aufregend. Zweimal ist es Luca Toni, der sich dem Netz nähert, zuerst wird er nur knapp von Thuram gestoppt, dann ist die Latte zum Glücklichsein im Weg. Italien zeigte sich also tatsächlich des zweiten Tores willig, doch der Halbzeitpfiff war letztlich im Weg.

Die Kabinenansprache von Raymond Domenech schien gefruchtet zu haben, sein Team war nach der frühen Führung nicht mehr Herr auf dem Platz, sollte es aber nach dem Wechsel wieder werden. Thierry Henry war der Spiel bestimmende Mann, er setzte sich mit seinen gewohnt wuseligen Aktionen immer wieder irgendwie gegen Italien Galaabwehr durch und kam so gefährlich in Tornähe. Aber was die Verteidigung nicht schaffte, das machte Schlussmann Buffon dann im Zweifel wieder wett, das Tor schien wie vernagelt zu sein für die Equipe Tricolore. Dennoch machte diese Phase Spaß, war sie doch der Beweis, dass ein würdiger Weltmeister über spielerische Mittel auch gegen starke Gegenspieler zum Tor kommt und nicht auf die eine kleine Nachlässigkeit zum Elfmeter oder einen winzigen Stellungsfehler nach 119 Minuten wartet. Wir schreiben die 61. Minute, in der sich die Kräfteverhältnisse wieder ein wenig in Richtung Südalpen verlagerte, denn Marcello Lippi wurde wahnsinnig und brachte mit Iaquinta doch tatsächlich einen zweiten Stürmer. Zeitgleich verließ der heute völlig enttäuschende Totti den Platz, für ihn kam Ellbogenstar De Rossi ins Spiel, der wohl mit einem so schnellen WM-Comeback nicht gerechnet hatte. Mit diesen taktischen Maßnahmen erreichte Lippi zwar kurzfristig kein Tor, aber er unterband damit immerhin die henry’schen Dribblings und verlagerte das Spielgeschehen wieder etwas mehr in die französische Hälfte. Die Paarung verlief jetzt immer ausgeglichener, sie zeigte keinen legendenbildenden Charakter mehr, weil sich so langsam alles auf die Verlängerung einstellte und damit einen weiteren Trend dieser WM fortsetzte. Wozu haben wir denn die Verlängerung, wenn wir uns da nicht reinretten sollten? Nicht zu verlieren ist wichtiger als zu gewinnen und so war weiterhin von Risikobereitschaft nichts zu sehen. Pirlo setzt in der 77. Minute noch einen Freistoß knapp neben den Kasten, aber ansonsten egalisierte man sich fröhlich vor sich hin und so ging es dann in die dritte Halbzeit. Im Grunde verdient, aber Endspiele werden seit geraumer Zeit ohnehin kaum noch verdient gewonnen, treffen sich doch schlauerweise die besten Mannschaften der Welt und ein Remis nach 90 Minuten ist dann einfach verdienter als ein Glückstor auf welcher Seite auch immer. Zumindest wenn das Spiel so wie gesehen verläuft und keiner so richtig herausstechen kann (oder will).

Verlängerungen haben immer eines gemeinsam: alle Akteure werden immer müder, zwar will keiner ins Elfmeterschießen, aber ein Gegentor bedeutet fast immer das Aus, sodass man schlauerweise lieber passiver spielt. In dieser Hinsicht zeigte sich das Finale aber glücklicherweise anders, denn die Fitness war beiderseits vorhanden und das Tempo weiterhin überdurchschnittlich, wodurch uns das Ballgeschiebe erspart blieb. Wie allerdings auch die Torchancen. So folgt jetzt der übliche Spruch von wegen lebt von der Spannung und jeder Fehler könnte entscheidend sein, aber so war es einfach. Die Verlängerung der besseren Sorte wartete aber immerhin mit einer Großchance auf, Malouda und Ribéry schieben sich den Ball zu, dieser verfehlt das Gehäuse aber nach einer Arbeit von vier Jahren nur knapp. Doch damit nicht genug, Frankreich war dem Weltmeistertor nahe, Italien zitterte vor sich hin. Die 103. Spielminute war angebrochen, da kommt der Ball von Sagnol in die Mitte, Zidane köpft aufs Tor und so ein Ball ist in 70% der Fälle drin, aber Buffon beweist seinen Ausnahmestatus und rettet den Azzurri damit das Leben. Soviel zum Spielerischen, es blieb bis zum Schlussschlusspfiff von Schiri Elizondo beim nunmehr für Italien leicht glücklichen 1:1. Eine Szene jedoch muss noch berichtet werden, denn hätte Zidane sein Denkmal mit dem historisch ersten Doppelpack in zwei WM-Endspielen vergolden können, so versetzte er es in der 110. Minute eigenhändig mit Sprengstoff. Zunächst war unklar, was da passiert war, Materazzi liegt am Boden, Buffon stürmt ins Halbfeld, das Schiedsrichtergespann weiß aber keinen Rat und will weiterspielen lassen. Dann jedoch meldet sich Ersatzmann Medina von der Seite, will die Situation gesehen haben und bestätigt das, was Milliarden Menschen im TV gesehen haben: Zidane und Materazzi leisten sich einen normalen Zweikampf, der Franzose will sich entfernen, aber Materazzi flüstert ihm scheinbar italienische Reizkost ins Ohr, woraufhin der große Mann dieses Sports ausrastet und ihm seinen Kopf in den Brustkorb rammt. Die Moral von der Geschicht’ ist Unverständnis weltweit und der rote Karton vom Schiri, das war es mit Fußball für Zidane. Wer da jetzt wen provoziert hat sei dahin gestellt, so ein Kopfstoß darf einem Mann von diesem Format in dieser Situation einfach nicht passieren und lässt sich nur schwer entschuldigen, zumal es nur noch zehn Minuten zum krönenden Karriereende gewesen wäre. Das ist dann einfach Doofheit, die leider Zidanes Karriere immer wieder geprägt hat. Doch die italienischen Spieler gehen gerne in solchen scheinbar unbeobachteten Momenten unter die Gürtellinie, da muss man dann mit leben, aber besser dann solch eine offene und gerade noch harmlose Aktion als irgendein versteckter Ellbogenstoß oder dergleichen.

Der Rest ist schnell erzählt. Frankreich ist nach der Herausstellung natürlich geschockt, das Spiel kippt gänzlich um und der Fußball verabschiedete sich von der diesjährigen WM-Bühne. Die Zuschauer auf den Rängen machten ihren Unmut kund, da sie von der Aktion natürlich nichts mitbekommen hatten und die italienischen Spieler wollten ohnehin nichts lieber als das Elfmeterschießen. Wer weiß, ob nicht Frankreich mit Zidane nach dem Spielverlauf vielleicht doch das Tor gelungen wäre, doch das ist Spekulation, denn Fakt ist, dass es in die Lotterie ging. Neun Elfmeter wurden geschossen, fast alle gingen mehr oder weniger sicher ins Tor, nur einer suchte sich die entscheidenden Zentimeter zur Latte. Da muss man nicht drüber diskutieren, das ist einfach nicht das geeignete Mittel, um einen „Weltmeister“ zu küren, aber was will man groß anders machen, hilft ja nichts. Der Unglücksrabe war ausgerechnet David Trezeguet, der von Domenech fast das gesamte Turnier über zum Zuschauen verdammt wurde und jetzt dementsprechend demotiviert die Silbermedaille für seine Mannschaft heimfuhr. Diese Geschichten schreibt auch nur der Fußball, das Spiel war vorbei, Sieger und damit Weltmeister war Italien. Das allgemeine Chaos bei der Pokalübergabe passt dann auch irgendwie ein wenig zum fußballerisch mittelmäßigen Turnier. Wir erlebten Fußball mit Handbremsen, die „Großen“ setzten sich fast immer durch, weil sie die besseren Fitnesstrainer hatten, symptomatisch da schon, dass es keinen echten Star bei dieser Weltmeisterschaft gab. Doch abseits vom Platz war alles optimal, die Welt war in der Tat zu Gast bei Freunden und das lässt diese WM in guter Erinnerung ruhen. Italiens Spieler waren verständlicherweise euphorisch wie nur was, wollten sich nicht so recht an die FIFA-Bestimmungen halten und versammelten sich allesamt rund um den Pokal. So musste Lennart Johansson eingreifen und das Objekt der Begierde von seinem Platz nehmen und dem völlig versteckten Horst Köhler fast schon zuwerfen, der dann dem Protokoll genüge trug und über einen Mittelsmann die Übergabe vollzog. Der Rest war feiern.

09. Juli 2006 - Marcel Hermes

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