Wir sind Dritter!

Deutschland

Das "kleine" Finale wurde zu einem ganz großen, denn scheinbar unbeeindruckt vom Halbfinalaus feierte ganz Deutschland seine WM-Party weiter: die deutsche Mannschaft bot in einem erfrischenden Spiel einen versöhnlichen Abschluss und besiegte Portugal mit 3:1. Zwei Tore gehen dabei auf das Konto von Bastian Schweinsteiger, auch am dritten war er maßgeblich beteiligt, als er Petit zu einem Eigentor zwang. Jürgen Klinsmann wollte sich nach Spielende nicht in Sachen Rücktritt in die Karten schauen lassen, fest steht nur, dass Oliver Kahn nie mehr im Dress mit dem Adler auflaufen wird. Doch das kann den Festabend nicht trüben, Deutschland holt sich einen hervorragenden dritten Platz und bestätigt damit Rang 2 vom letzten Turnier - mit dieser Konstanz kann nicht einmal Brasilien glänzen, von Italien und Frankreich mal ganz zu schweigen...

Schweinsteiger-Gala beim 3:1 gegen Portugal – Deutschland beendet die WM auf einem hervorragenden dritten Platz

Das vielleicht sinnloseste Spiel, das der WM-Spielplan zu bieten hat, kam auch in diesem Jahr einen Tag vor dem Finale wieder zur Aufführung. Die Rede ist vom Spiel um Platz drei, dem Duell der enttäuschten Halbfinalverlierer, oder schlichtweg dem „kleinen Finale“ als Vorspiel zum großen Finale zwischen Frankreich und Italien. In Stuttgart standen sich also Deutschland und Portugal gegenüber. Portugal musste sich Frankreich durch einen Elfmeter mit 0:1 geschlagen geben, während Deutschland in der Verlängerung der Cleverness der Italiener zum Opfer fiel. Die Klinsmann-Elf wollte die Gelegenheit nutzen, um den Fans im Lande zum Abschluss noch einmal ein Spektakel zu bieten. Trotzdem schickte der Trainer nicht seine beste Elf ins Rennen. Im Vergleich zum Italien-Spiel gab es fünf Änderungen: Friedrich, Mertesacker, Ballack und Borowski konnten verletzungsbedingt nicht mitwirken und wurden von Jansen, Nowotny, Schweinsteiger und Frings ersetzt. Im Tor erhielt Kahn den Vorzug vor Lehmann. Klinsmann bedankte sich mit dieser Geste bei Kahn, der seine Rolle als Nummer zwei während des Turniers klaglos akzeptiert hatte. Auf Seiten Portugals überraschte Scolari, indem er Figo zunächst auf der Bank ließ. Für ihn spielte Simao von Beginn an. Weitere Änderungen rückbezüglich des Halbfinales gab es in der Viererkette: Ferreira und der junge Ricardo Costa rückten für Carvalho (gesperrt) und Miguel (verletzt) ins Team.

Die Partie begann in allerbester Spiel-um-Platz-drei-Manier flott, beide Mannschaften waren gewillt, ihr Heil in der Offensive zu suchen. Zunächst gelang dies der deutschen Mannschaft besser, die erste Chance hatte Sebastian Kehl. Einen Eckball von der rechten Seite legte Metzelder mit dem Kopf auf seinen Dortmunder Vereinskameraden ab, dessen Schuss nur Zentimeter am Pfosten vorbeistrich (5.). Forderungen nach einem Handelfmeter stießen bei Schiedsrichter Kamikawa (Japan) auf kein Gehör. Nuno Valente hatte den Ball noch abgefälscht, ein eindeutiges, absichtliches Handspiel war aber nicht auszumachen. Miroslav Klose hatte nur drei Minuten später die nächste Möglichkeit. Der Führende der Torschützenliste war von Schweinsteiger mit einem wunderbaren Pass auf die Reise geschickt worden, setzte sich gegen Verfolger Costinha durch und verfehlte das Ziel nur knapp (8.). Die Anfangsphase gehörte klar den Gastgebern, Portugal brauchte rund eine Viertelstunde, um ins Spiel zu finden. Einem eher harmlosen Freistoß von Deco (13.) folgte die erste richtig gefährliche Torchance durch Pauleta. Der besonders in der ersten Halbzeit sehr auffällige Simao hatte den Stürmer eingesetzt, Kahn war auf dem Posten und verhinderte mit seiner ersten Parade des Abends den Rückstand seiner Elf (15.). Mit dieser Szene war der Vizeeuropameister endgültig im kleinen Finale angekommen und war jetzt mindestens gleichwertig, wenn nicht sogar überlegen. Die nächste brenzlige Situation ergab sich aber vor dem portugiesischen Tor. Einen Heber von Kehl aus knapp 20 Metern erreichte Ricardo gerade noch mit den Fingerspitzen und lenkte das Spielgerät über die Querlatte (20.). Fünf Minuten später stand der Torhüter schon wieder im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Costa hatte Klose zu Fall gebracht, den daraus resultierenden Freistoß hämmerte Podolski aufs Tor, Ricardo konnte abwehren (25.). Auf der Gegenseite war es Deco, der im Sechzehner an den Ball kam, sich drehte und blitzschnell abzog, dabei aber das Tor verfehlte (31.). Man kann über Sinn und Unsinn dieses Platzierungsspiels trefflich streiten, unterhaltsam war es aber allemal. Weder Portugal noch Deutschland mussten sich vorwerfen lassen, die nötige Ernsthaftigkeit vermissen zu lassen. Dabei erstickte die Begegnung jedoch nicht in taktischen Fesseln, sondern bot schnell vorgetragenen Offensivfußball mit Torraumszenen auf beiden Seiten.

Nach dem Seitenwechsel waren zunächste wieder die Portugiesen am Drücker. Simao zwang Kahn mit einem Freistoß nicht zum Eingreifen (51.), Pauleta vergab nach Vorarbeit von Cristiano Ronaldo, der wie schon beim Halbfinale in München konsequent bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen wurde, aus aussichtsreicher Position (53.). Das erste Tor der Partie fiel auf der Gegenseite. Schweinsteiger zog von der linken Seite nach innen, versuchte sein Glück aus gut 25 Metern einfach mal und traf herrlich zum 1:0 für Deutschland (56.). Ricardo machte dabei keine gute Figur, was die tolle Einzelleistung Schweinsteigers aber nicht schmälern soll. Der Bann war nun gebrochen, die DFB-Elf drängte auf den zweiten Treffer und die damit verbundene Vorentscheidung. Klose flankte quer über den Strafraum auf Lahm, der den Ball volley nahm und knapp verzog (60.). Eine Minute später stand es dann tatsächlich 2:0, wieder hatte Schweinsteiger die Füße entscheidend im Spiel. Sein Freistoß aus halblinker Position wurde von Petit unglücklich ins eigene Netz abgefälscht (61.). Die Mannschaft von Jürgen Klinsmann war auf dem besten Wege, sich Platz drei zu sichern, und hatte das Geschehen nach einigen Unsicherheiten im ersten Durchgang jetzt im Griff. Nichtsdestotrotz musste Kahn sein ganzes Können aufbieten, als Deco zum Schuss kam, der Torhüter lenkte das Leder um den Pfosten (63.). In der 77. Minute brachte Scolari Figo in die Partie, der seine letzte Viertelstunde in der Nationalmannschaft absolvierte. Unmittelbar nach seiner Einwechslung war Figo auch gleich an einem Angriff beteiligt: Er setzte Ronaldo in Szene, dessen Schuss Kahn aber parieren konnte (78.). Im Gegenzug erzielte Schweinsteiger das 3:0. Das Tor war praktisch identisch mit dem 1:0, wieder zog der Bayer aus der Distanz ab – einziger Unterschied war, dass es diesmal für Ricardo wirklich nichts zu halten gab (78.). Portugal war nach diesem Gegentreffer endgültig besiegt, der Vizeeuropameister bemühte sich aber trotzdem noch um den Anschlusstreffer. Metzelder hatte Glück, kein Eigentor zu erzielen – der Innenverteidiger köpfte eine Flanke von Simao an Kahns Fuß (82.). Einen Ronaldo-Freistoß erwischte Kahn, der schon auf dem Weg in die andere Ecke war, gerade noch (83.). Zwei Minuten vor dem Ende wurden die Südeuropäer schließlich für ihren Kampfgeist belohnt. Figo flankte auf Nuno Gomes, der einen perfekten Flugkopfball an Kahn vorbei im Netz unterbrachte (88.).

Mit einem verdienten 3:1 gegen Portugal beendete Deutschland eine aus seiner Sicht hochgradig gelungene Fußball-WM 2006. Nach dem unglücklichen Halbfinal-Aus ließ sich die Mannschaft nicht hängen und verabschiedete sich standesgemäß und mit einem respektablen dritten Platz von den eigenen Fans. Diese feierten das Team, als wäre es Weltmeister geworden. Keine Frage, die Nationalmannschaft hat die Sympathie und Zuneigung des deutschen Fußball-Volkes zurückerobert, auch wenn es zum erhofften Titelgewinn nicht gereicht hat. Fraglich bleibt nun, wie es nach der WM weitergeht. Jürgen Klinsmann hielt sich nach dem Spiel in der Frage Rücktritt oder Weitermachen bedeckt. Konkreter äußerte sich Oliver Kahn, der verkündete nicht mehr für die Nationalmannschaft auflaufen zu wollen. Doch der Rücktritt der Ex-Nummer eins wird ein Einzelfall bleiben. Der Großteil der Mannschaft bleibt zusammen und konzentriert sich ab dem 2. September auf ein neues Ziel – dann nämlich beginnt die Qualifikation zur Euro 2008 mit einem Heimspiel gegen Irland.

08. Juli 2006 - Christian Linner

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