Deutschland - Italien 0:2 n.V.

Italien

Aus der Traum: Deutschland unterliegt Italien mit 0:2 in der Nachspielzeit, die Treffer für die Squadra Azzurra erzielen Grosso und Del Piero in der 119. und 120. Spielminute.


Pizzaparty und Weißwursttränen

Es war die 119. Minute in einem bis dato ausgeglichenen Spiel. Italien spielte souverän das ureigene Spiel runter, während der deutschen Elf die Erschöpfung anzumerken war, da startet Pirlo noch einen letzten Angriff, spielt ohne zu gucken auf den einmal vernachlässigten Grosso und der schießt eiskalt quer an Lehmann vorbei in die linke Ecke. Schon früh war klar, dass an diesem Abend das Team mit dem ersten Tor gewinnen würde. Erst recht natürlich, wenn dieses in der letzten Minute der Verlängerung fällt, das 2:0 von Del Piero eine Zeigerumdrehung später änderte da dann auch nichts mehr. Deutschland hat alles gegeben, Italien hat alles gegeben und am Ende bleibt die Feststellung, dass Italien dann doch besser war und ist, und wir nun den schweren Gang Richtung Süden antreten müssen, um dort am Samstag wenigstens den dritten Platz zu holen. Selten wollten Deutsche mehr gen Osten reisen als diesmal, doch der Sommernachtstraum vom Finale in Berlin ist geplatzt, am Ende steht das nüchterne Ergebnis und fern ab der Euphoriewelle hätte sich ein anderes kaum vor dem Fußballgott rechtfertigen können. Mit 2:0 nach Verlängerung gewinnt ein abgeklärtes Italien durch die Tore von Grosso und del Piero gegen die deutschen Hoffnungsträger, aber der Reihe nach:

Begonnen hat alles, als Sepp Blatter den Umschlag öffnete und ein Kärtchen herauszog… Na gut, ein paar Ereignisse können wir überspringen, fangen wir lieber mit dem Anpfiff von Schiedsrichter Archundia Tellez an. Oder besser gesagt ein wenig davor, denn der Wirbel um die Sperre von Torsten Frings bereitete manchem Fußballfan eine schlaflose Nacht. Der Bremer setzte die linke Gerade, musste gegen Italien zusehen und wurde von Sebastian Kehl adäquat ersetzt, also daran lag’s schon mal nicht. Darüber hinaus präsentierte sich Bastian Schweinsteiger gegen Argentinien nicht ganz so durchschlagend wie zuletzt (Trainerdeutsch für „schon recht schwach“) und musste für Tim Borowski Platz machen. Munter ging es los im FIFA WM-Dingens von Dortmund, was früher mal irgendwas mit Zahnpaste hieß und ganz davor noch Westfalenstadion, jeder stellte sich auf ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen ein und setzte 120 Minuten mehr auf „Nicht ausscheiden“ als auf „Weiterkommen“. Beide Seiten hatten Mühe ins Spiel zu finden, das Publikum stand von Beginn an hinter den deutschen Spielern und übertrug damit Nervosität beiderseits auf den Rasen. Echte Torchancen waren rar gesät, aber früh wurde deutlich, dass nicht so viel versucht wurde wie noch gegen Argentinien, heute überwog noch einmal mehr die Taktik und so blieb die Begegnung über weite Strecken unattraktiv und mittelfeldlastig. Vor allem Italien machte keinen Hehl daraus, dass Verteidigung der beste Angriff ist, mauerte sich von Minute zu Minute mehr ein, hatte dann aber mit seltenen Kontern die größere Torgefahr parat. Das deutsche Spiel krankte etwas im Mittelfeld, Borowski mühte sich über links nach Kräften, aber sein Pendant Schneider auf der anderen Seite brachte außer ganz seltenen Halbfelddribbling nicht allzu viel zustande, stand heute gar Friedrich eher im Weg. Auch Ballack kam selten durchschlagend mit nach vorne, wohl auch, weil ihn die Defensivarbeit auslastete, denn trotz einer guten Innenverteidigung musste den Italienern nach Kräften jeder Raum genommen werden.

Das Spiel lief so vor sich hin, technisch präsentierten sich beide Seiten ordentlich, dann und wann gab es kleinere Kopfballchancen zu verzeichnen, ansonsten waren die Angriffsformationen aber zugestellt. Auf deutscher Seite arbeitete Klose wieder vermehrt nach hinten mit, machte vorne mit Ausnahme vielleicht einer kleinen Soloaktion in der 50. Minute wenig Schnitte. So wurde das Spiel über die Zweikämpfe im Mittelfeld entschieden, hier herrschte Ausgeglichenheit, Italien hatte eine erhöhte Ballbesitzquote, während Deutschland das Spiel aktiver gestalten wollte. Eine Stunde war vergangen, längst hatte sich die Welt in diese Partie eingesehen und konnte nicht mehr überrascht werden, da hat Podolski endlich einmal Platz im Strafraum, scheitert aber an Buffon. Anders kann so ein Spiel nicht entschieden werden als über eine kleine Unkonzentriertheit der Abwehr und einer knallharten Chancenverwertung gegenüber, nur die besaßen wir scheinbar nicht. Die Uhr tickte unaufhaltsam weiter, immer noch Temperaturen an der 30°-Marke in Dortmund, viel sprach für eine Verlängerung. Italien schien sich seit Anpfiff darauf zu freuen, während die deutsche Mannschaft auch gerne darauf verzichtet hätte, nur ohne Tore wäre der weitere Fortgang dieses Abends beschlossene Sache. Jeder Ball war somit weiterhin hart umkämpft, verständlicherweise gab keiner auf, doch je länger dieses Spiel dauerte, desto gefährlicher schienen die Südeuropäer zu werden. Kurz vor dem vorläufigen Schlusspfiff wäre mit einem Schuss von Perrotta alles vorbei gewesen, aber Lehmann war auf dem Posten und bewies, dass auch die Effizienz bei der Squadra Azzurra nicht hundertprozentig ausgebildet ist. Irgendwann begann die Zeit der Wechsel, die Angelegenheit wurde immer zäher, nach 93 Minuten erlöste der Schiri dann die Spieler und ordnete einige erholsame Krampfausknetminuten an.

Im Grunde war das Fell des Bären in diesem Moment verteilt. Italien zwang Deutschland über 90 Minuten sein Spiel auf, stand felsenfest hinten drin und ließ nur minimale Torchancen zu. Deutschland musste so vermehrt selbst nach vorne gehen und sich verausgaben, während die Italiener dann immer wieder zu Kontern ausholen wollten, dabei zwar meistens ebenso versandeten, aber insgesamt mehr Kraft sparten. Auch nicht von der Hand zu weisen die Tatsache, dass die deutsche Elf schon gegen Argentinien über das Limit ging, Michael Ballack war da Beispiel genug, der selbst mit Duracell-Hasen-Batterien kaum mehr laufen konnte. Italien hingegen tat wenig beim nie gefährdeten 3:0-Erfolg über die Ukraine, verfügt ohnehin über das ein oder andere Kraftpaket. Doch wem das immer noch nicht genügte, um die Euphorie ein wenig zurück zu schrauben, dem versetzte Marcello Lippi einen weiteren Schlag in die Magengrube, brachte mit Iaquinta den zweiten Stürmer und stellte sein System auf Offensivdrang um. Na herrlich. Der gewünschte Effekt ließ nicht lange auf sich warten, keine Minute war gespielt, da küsst der Ball den deutschen Pfosten, kurz darauf sollte es dann die Latte sein. Deutschland durfte sich bei Fortuna bedanken, kämpfte sich tapfer in den Seitenwechsel, war aber stehend K.o. Lukas Podolski hätte dann noch einmal alles ändern können, kam frei zum Kopfball, weil auch Italien jetzt nachlässiger spielen musste, verfehlte aber knapp das Tor, wenig später rettet in der letzten deutschen Chance Buffon heldenhaft. Das wäre es gewesen, aber es kam ja anders. Das deutsche Team hoffte inbrünstig auf das Lehmann’sche Elfmeterschießen, Andreas Köpke schrieb erste Zettel, aber Italien wollte sich auf das Nervenspiel nicht einlassen. Die Visiere wurden zum ersten Mal an diesem Abend aufgeklappt, Deutschland wankte und wankte und wankte… und fiel.

04. Juli 2006 - Marcel Hermes

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